Montag, 17. märz 2008
Wir haben ja schon 2008. 
Nachdem ich nun das neunte mal meinen 16. Geburtstag gefeiert habe, wäre es tatsächlich mal an der Zeit sich zusammenzureißen und das Leben und all seine Veränderungen anzuerkennen. Ab heute also immer schön brav beim Zähneputzen den Wasserhahn abdrehen, wer weiß wie lange da noch Wasser rauskommt. Meine Uni könnte ich durchaus mal ernster nehmen, immerhin kostet mich die Bildung ein Vermögen und mit der Einstellung hätte ich mir durchaus auch ein Studium in DIESER Kleinstadt ersparen können. Überhaupt könnte ich mal so einiges ändern.
Da ich ja kein Teenie mehr bin, könnte ich mal aufhören mir Haarspangen in die Haare zu machen. Es mag ganz niedlich aussehen, aber mal ehrlich, hatte ich das nicht schon mit 12 satt. Ist halt doof, wenn die Leute anfangen dich zu siezen, vor allem, wenn sie nur wenige Jahre jünger sind als du. Aber wer weiß wie die das empfinden. Vielleicht sehen die von ihrer Perspektive, deutlich die bessere, ja eben doch diese Alterslücke.
Interessant wird’s ja erst dann, wenn die nette Dame an der Tankstelle dich dann nach dem Ausweis fragt, wenn du Alkoholika kaufen willst….hm…..das gibt zu denken. Also entweder hat einer von beiden dann ein unheimliches Alter-einschätz- Problem, oder du weißt nicht wer du sein willst, bzw. als was du gesehen werden willst.
Definitiv wäre ich gerne 16. Nicht weil das Leben damals noch so unglaublich angenehm war. Ich hab mich extrem genervt gefühlt, vor allem von meinen Eltern, ganz normal, aber irgendwie bilde ich mir grade ein, dass damals alles einfach war. Ich hatte keine eigene Wohnung, ergo auch keine Rechnungen zu zahlen. Ach ja und ich konnte mir fantastisch Nummern merken, also Telefonnummern, weil ein Handy hatte ich damals noch nicht. Ich musste nicht alle 5 Minuten auf mein Handy starren, nein damals hatte ich einen Scall und eine Armbanduhr. Voll retro. Und ich glaube damals war es durchaus noch möglich mit Münzen in Telefonzellen zu telefonieren. Ich muss zugeben; ich stand neulich in einer. Nicht aus Langweile, sondern wie könnte es anders sein: zum Telefonieren. Allerdings nicht am Telefon, sondern mit meinem Handy, ah ich erinnere mich. Ich kam mir unglaublich dämlich vor. Es hatte geregnet und na ja die Dinger sind schon cool. Man kann sich anlehnen und es ist trocken. Aber irgendwie hatte es diesen üblen Effekt, dass man sich fühlt wie ein Zeitreisender. Modernes Handy mit GPRS und allerlei schnick schnack vs. Äußerst unhandlichem Analogem Telefon. Da mag die Telekom ihren Werbescheiß noch so dick aufkleben, so was hat heute hier auf dieser Welt keine Lebensberechtigung mehr. Anscheinend! Keine Ahnung, wieso man von den heutigen Telefonzellen noch nicht via blabla SMS und MMS und E-Mails verschicken kann. Rückständig…oder schöner: Antik!!
 
Ein paar Jahre sind seit meinem 16. ja schon vergangen. Ein sehr bekanntes Phänomen ist ja auch, dass Schulen, egal welche, immer alles anders machen, sobald man die Schule verlässt. Plötzlich werden Toiletten erneuert, Schulhöfe werden größer, grüner oder einfach nur schöner. Gebäude, die in Charisma und äußerer Erscheinung eher einer Plattenbausiedlung glichen, sind auf einmal für den lokalen „Kids creating school“ - Preis nominiert und werden für zig Millionen aufgemotzt und für die nächsten 20 Jahre feuer- und schülersicher gemacht. Nigelnagel neue Bushaltestellen retten hundertprozentig aufs Jahr hochgerechnet mindestens 3 Schülern das Leben. Cool sind dann auch solche kleinwirtschaftlichen Veränderungen. Zum Beispiel, wenn das einzige Irish Pub der Stadt einfach mal so dicht macht. Oder neue Gesetze wie ein Rauchverbot, das die allgemeine Lokalitätenlandschaft doch an Mannigfaltigkeit unheimlich einschränkt. Da sind dann noch die Überreste der langweiligen Kaschemmen, die man vorzugsweise zum Qualmen aufgesucht hat, einfach weil sich’s da chillig rauchen lässt. Oder auch weil der Laden ohne Rauch noch viel schlimmer stinkt. Da könnte man dann schon fast behaupten, man rettet den Nichtrauchern das Leben durch natürliche Eindämmung des Schimmelpilz Geruchs. Aber warum zum Henker, soll man seinen Lebensstil, bzw. seine Einstellung zum Leben auf einmal verändern? Nur weil’s langsam peinlich ist, dass man immer noch knapp 10 Jahre hinterherhinkt? Sich das gute alte Trium Handy zurückwünscht, das 7 Tage zum erneuten Empfang einer SMS brauchte, nur weil man zum rechten Zeitpunkt das Handy aushatte? Ich wünsch mir auch meine Freunde von damals zurück, insgeheim. Alle recht bescheuert, aber dieses sorgenfreie Gesaufe, Rumgehänge, Geld um sich schmeißen obwohl man keins hat und keins verdient, komm ich heut nicht -- komm ich morgen, ich studiere 20 Semester -Leben, war doch bestimmt, glaub ich toll. Also ich kann mich ja nicht mehr wirklich daran erinnern. Ich behaupte aber jetzt einfach mal, dass dieses Leben des, egal was heute wieder passiert, morgen wird’s Besser-Ding richtig, richtig cool is. Ok, ich persönlich habe diese Erfahrung nicht gemacht. Ich werfe mir ja durchaus schon sehr lange vor, dass ich in wichtigen, bestimmten Momenten meines Lebens einfach nicht relaxt genug war. Leider. Hätt’ ich mal nicht so viel Wind um meine Abschlüsse gemacht, hätte ich bestimmt auch mehr gesoffen—ergo auch mehr Spaß gehabt--- so sagt man. Wenn ich heute Alkohol trinke und das in Mengen, bestraft mich mein Körper mit leichtem Schüttelfrost, mein Nacken und meine Schultern für die Dauerwürgerei in der Nacht, und vom Magen und liebe Güte der Speiseröhre will ich hier gar nicht anfangen. Schön aber, wenn man spürt, dass man lebt. Um das hier mal als positiven Punkt anzuführen.
 
Ich kann Veränderungen auf den Tod nicht ausstehen. Dieses spontane Umgedenke. Bei uns wurde nun in der Stadt, also eigentlich eher am Stadtrand, eine neue Ampel installiert, wo vorher ach zig Jahre eben nix war. Warum soll man dann als gewohnter Autofahrer plötzlich an einem Punk halten, der einem vorher nicht mal aufgefallen ist. Bis ich das erste Mal darauf hingewiesen wurde, Gott sei dank von einer Freundin, dass da eine Ampel steht, hab ich sicherlich schon 5-6 Mal eben jene Ampel ignoriert oder einfach nicht gesehen. Der Kopf blendet so was aber auch gern mal aus, wenn er nicht dran gewöhnt ist, an eine Veränderung.
Jetzt stelle man sich vor, dass man all diese Zeit voller Abschlüsse, Eltern nerven, Snake I am Nokia Handy spielen, Snake II am Nokia Handy spielen, Sex and the City Staffel I, Sex and the City Staffel 6, scheiße ich studiere, scheiße ich Wechsel meinen Studiengang mit ein und derselben Person durchlebt. Natürlich mit mehreren, aber eine war irgendwie immer dabei. Und es war cool. Das sind dann diese Leute mit denen man nachts um drei über ihr nicht vorhandenes Talent spricht, Nudeln so zu portionieren, dass es nur für nicht mehr als eine Person oder mindestens für eine Person reicht. Das sind die Leute, die immer zeitgleich mit dir wach werden und dasselbe tun wie du. Richtig, den PC anmachen. Das sind die Leute, die dir 1:1 übers ICQ die neueste Scrubs Folge durchgeben, aber Wort für Wort, obwohl du sie schon tausendmal darum gebeten hast, dies bitte zu lassen. Das sind die Menschen, die im Winter bei Minusgraden trotzdem noch auf der Terrasse grillen, um an ihre verdiente Tagesration von 6 Schnitzeln zu kommen. Das sind vor allem die Menschen, die genauso leiden wie du, wenn sie was gegessen haben, weil sie entweder an zu vielen Lebensmittelallergien leiden oder von Natur aus, einfach nichts essen sollten. Man weiß es nicht. Man wird es gemeinsam auch nie erfahren. Nicht mehr. Denn wenn man so jemanden plötzlich nicht mehr kennen darf, dann bleibt da auf einmal gar nichts mehr. Außer der immer stärker werdende Wunsch, man hätte sein 16. Lebensjahr nur durchgesoffen, dann wär’ man heute trinkfester. Oder man wünscht sich, man hätte die Zeit mehr mit Telefonieren, als mit sprachlosen Gechatte verbracht. Tatsächlich ist der Kopf auf einmal leer. 

Das kommt davon, dass man sich schon gegenseitig die Sätze beenden konnte, wirklich erschreckend…das ist unfassbar erschreckend, und derjenige wohl anscheinend nicht mehr im Kopf ist. (Ich hatte als Kind mal ein Buch, das hieß Ben liebt Anna und da ging’s auch um jemandem im Kopf…:-) ) Plötzlich darf man denjenigen dann auch nicht mehr treffen. Da fällt einem grob erstmal auf, warum man eigentlich immer nach Hause gefahren ist. Wenn ich jetzt bei You Tube oder sonst wo was finde, hab ich das starke Bedürfnis das Lachen, oder den lustigen Moment mit dieser einen Person zu teilen. Da fällt mir auf, dass wir jetzt ja nicht mehr chatten und ich von seiner Liste gelöscht wurde. Jetzt wäre es eigentlich auch mal für mich an der Zeit die Person zu löschen aber das findet man mit 16 halt irgendwie noch doof. Richtig doof ist vor allem, dass man nicht mehr anrufen kann, somit auch keine SMS mehr verschicken wird. Eigentlich ist das Handy an sich hinfällig geworden. Keine Gespräche mehr bis morgens um fünf, und wie das mit den gemeinsamen Freunden wird, weiß man auch noch nicht. So viele Dinge ungeklärt, nur die Tatsache, dass man sich nie wieder sieht. Von heut auf morgen. Und dann hat man sich noch nicht mal richtig verabschiedet. Sehr unwürdig. Das kommt davon, wenn man sich zu sicher fühlt. Wenn man das tausendste Mal theoretisch besprochen hat, was die Welt tatsächlich umstürzen lässt, und wenn’s dann soweit ist, dann ist man sich der Konsequenzen nicht bewusst. Plötzlich ist der Kopf ganz leer. 

Man stelle sich vor, man bringt einen Freund zum Bahnhof. Man sieht diese Person das allerletzte Mal in seinem Leben. Man macht Witze, lacht miteinander über alles mögliche. Witzige Erlebnisse, Peinlichkeiten. Man kramt in allen Geschehnissen seit bestehen der Freundschaft und man kann die Tränen vor Lachen irgendwann nicht mehr zurückhalten. Dann kommt der Zug. Nachdem man den ganzen Bahnsteig und auch noch den Gegenüber mit alten Storys und Gelächter amüsiert hat, verabschiedet man sich irgendwie, aber nicht richtig. Hauptsächlich, weil man nicht glauben kann, dass es tatsächlich schon an der Zeit ist für den Abschied. Man hat darüber nachgedacht, aber denken und tun, sind völlig verschiedene Dinge. Das tun, ist merkartigerweise immer kürzer. Dann steigt der Freund in den Zug ein. Man hört die Schnappgeräusche der Türen, das Pfeifen vom Schaffner, und plötzlich fühlt es sich richtig komisch an. Als wär die Person schon weg, obwohl sie ja noch da ist. Doch dann fährt der Zug los, und dann ist sie weg. Und auf einmal findet man die Geschichten, die man sich eben noch lachend erzählt hat, nicht mehr witzig. Man geht sie in Gedanken noch mal durch. Aber Lachen kann man nicht mehr. Und der Kopf ist leer. 

So in etwa hat sich das gestern angefühlt. Dieser spontane Wechsel in eine andere Zeit. Plötzlich darf man nicht mehr 16 sein. Also muss man sich strecken, und so sehr es auch an einigen Stellen zieht, und knackt und sich verdammt noch mal nicht gut anfühlt, es ist Zeit. Zeit so alt zu sein wie man ist, Zeit für das Jahr 2008 und Zeit für eine neue Ära. 
Mal schaun!
von Odie veröffentlicht in: Allgemein
Kommentar hinzufügen Kommentare (0)    empfehlen

Über diesen Blog

Kategorien

Kalender

Juli 2008
M D M D F S S
  1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31      
<< < > >>

Feeds

  • Feed RSS 2.0
  • Feed ATOM 1.0
  • Feed RSS 2.0
Blog : Gesellschaft sur de.over-blog.com - Kontakt - Nutzungsbedingungen - Werbung - Missbrauch melden