Huch!. Bevor ich damit beginne, den neuen Film „Kirschblüten – Hanami“ von Regisseurin Doris Dörrie in den Himmel zu loben, möchte ich anmerken, dass ich vor einiger Zeit die Sektion „Deutscher Film“ ziemlich verrissen hab. Als Entschuldigung hier eine übliche Phrase: Ausnahmen bestätigen die Regel! J so denn:
Das Ehepaar Rudi (Elmar Wepper) und Trudi (Hannelore Elsner) lebt das typische Alltagsleben. Während Rudi seiner Arbeit nachgeht und von seiner Frau nur am Rande Notiz nimmt, so kümmert sie sich um den Haushalt, pflegt ihren kränkelnden Mann und gibt die aufopfernde und hilfsbereite Gattin. „An apple a day keeps the doctor away“ lautete Rudis Devise, mit der er bisher glückselig durchs Leben kam, doch das Glück wird zumindest für Trudi gänzlich geschmälert, als sie erfahren muss, dass ihr Mann an Krebs erkrankt ist und seine Zeit abläuft. Da sie ihren Mann noch einige schöne Wochen bescheren möchte, verschweigt sie ihm die Diagnose und versucht ihn zu mehr Aktivitäten zu überreden, die er entweder total ablehnt oder meckernd und maulend verdirbt.
Der Besuch bei den Kindern endet mit der ernüchternden Feststellung, dass weder die Kinder ihren Eltern, noch die Eltern ihren Kindern etwas zu sagen haben und so ziehen Rudi und Trudi weiter Richtung Küste, doch auch dort gibt sich Rudi äußerst unzufrieden und wünscht sich seinen Alltag zurück. Trudis Versuche ihren Mann zu einem Besuch bei ihrem Sohn in Japan zu überreden, scheitern an dessen Unlust und Egoismus.
Als Trudi unerwartet stirbt, muss sich Rudi in einer neuen Situation zurechtfinden, die ihm keine Chance für Egoismus und Unlust
lässt und somit muss er erfahren, wie viel ihm seine Frau bedeutet hat, deren Anwesenheit er jahrelang als selbstverständlich abgetan hat. Da seine Frau einst ihren größten Wunsch, eine
Butohtänzerin zu werden, für die Familie und vor allem für Rudi aufgeben musste, möchte er an ihrer Stelle in das Land reisen. Er besucht den gemeinsamen Sohn, den Trudi wegen Rudis Weigerung
nicht mehr sehen konnte, und lernt das fremde Land und die fremde Kultur nur sehr zögerlich und mit einigen Problematiken kennen .Schließlich freundet er sich mit einer jungen Buthotänzerin an,
die ihm die Kultur des Landes und vor allem den Ausdruckstanz näher bringt, und ihm über den Tod seiner Frau hinweghilft.
Doris Dörrie, die ebenfalls das Drehbuch geschrieben hat, fängt mit dem Film mehr als einmal unheimlich realistische Situationen ein, die jedem irgendwie bekannt vorkommen dürften. Sei es die typischen Alltagssituationen von Trudi und Rudi, oder eben die Zeit bei ihren Kindern. Die Diskussionen und sehr deutlich zu Tage tretenden Emotionen, gerade der Kinder, sind wunderschön gespielt und haben schon leicht satirischen Charakter. Das Leben der Kinder wird jahrelang ignoriert und offensichtlich wissen die Eltern auch nicht wirklich bescheid, wer ihre Kinder sind, bzw. was aus ihren Kindern geworden ist. Hannelore Elsner spielt sehr gefühlvoll und gibt die verzweifelte Ehefrau, die zeit ihres Lebens nur ihre Familie glücklich machen wollte, nur um selbst letztlich unglücklich sterben zu müssen. Schon zu Beginn des Films ist die Rolle der Trudi entscheidender Motor für die Handlung. Sie treibt ihren Mann an und ohne sie scheint die Handlung stecken zu bleiben. Dieser Einschnitt ist hervorragend geraten, leider ist die zweite Hälfte des Films tatsächlich erzählerisch sehr vom Stillstand geprägt. Der Motor fehlt. Ab hier wirkt der Film teils träumerisch überzogen und die Handlung verliert an Realität. Das farbenfrohe, schnelle und hektische Leben in Japan steht in Kontrast zu der Schönheit, Emotionalität und Traurigkeit, die mit der Szenerie der Kirschblüten, des Ausdruckstanzes und Rudis Verlust verbunden sind.
Auch, wenn der Film an einigen Stellen unheimlich an Sophia Coppolas "Lost in
Translation" erinnert, selbstverständlich auf die Darstellungen der japanischen Sitten und Kultur bezogen, so sollte man sich hier bei der Kritik etwas zurückhalten und dem Film seine
Einzigartigkeit dann doch gönnen. Doris Dörrie beschreibt das Leben zweier gewöhnlicher Menschen, die es in ihrem gemeinsamen Leben versäumt haben aufeinander und die Wünsche des anderen
einzugehen. Der Tod Trudis hat Rudi einen neuen Blickwinkel auf die Welt eröffnet und seine Einsamkeit hinzu eigenen Antrieb, den er vorher nicht hatte. Der Film ist auch ein Fingerzeig auf
Ignoranz, gerade innerhalb einer Familie. Menschen die beisammen sind, kennen sich nicht, oder wollen sich nicht kennen und werden sich ihrer Emotionen erst bewusst, wenn die Situation sich
derart plötzlich und schrecklich verändert. Der Film handelt vom Kennen lernen und von der Aufmerksamkeit, die ein Mensch einem anderen schenkt, aufgrund dessen Tod. Eine Aufmerksamkeit, die man durchaus schon früher hätte schenken sollen.
More Hugs for free!
